Proyecto Patrimonio - 2016 | index | César Ángeles Loayza
| Autores |





César Ángeles L.
Anthologie
ausgewählte Gedichte
[1]

 

aus dem peruanischen Spanisch
übersetzt von Marco Thomas Bosshard



.. .. .. .. ..

 

Presentación de A ROJO en Berlín, Alemania (1998).
De izquierda a derecha: Marco T. Bosshard / César Ángeles L. / Guillermo Ruiz Torres

 

 

1/2 ALTER  (1/2 EDAD)

es regnet. die Felsen ähneln jetzt Topassen. Du bist
ein weißes Tier das im Gras schläft.
rote Lippen. Nackt. es regnet in Wirklichkeit nur leicht.
Ich spaziere zwischen den Bäumen. Ich denke daran daß das Geräusch
meiner Schritte dich aufwecken kann. Meine Rüstung
wiegt schwer und quietscht im Regen. Ich halte
am Rande einer Ebene an, unten fließt ein Fluß. Er führt
viel Wasser. Er tost. Der Wind inszeniert die Oper des Laubs.
Ich erinnere mich an die schönsten Gedichte und denke an
dich. Du schläfst. die letzte Liebkosung schenkte ich dir
mit der Spitze meines Schwerts. Aus deinem Nabel
entsprang ein blauer Süßwasserfaden. Du lachtest
und sagtest mir daß zwischen uns jetzt ein Drachen
wohne. Ich erschauerte vor deinem Lächeln. Ich
erkannte dich nicht, glaube ich. ich mußte mich umdrehen um andere
Lichter zu sehen, dringend. Aber dann setzte der Nebel ein. Ich sah
nichts.
Und du schliefst ein. Und es regnete. Mehr als
einmal habe ich mir diese Szene vorgestellt. Dich mit der Kante
meines Schilds zu köpfen. Dich krankhaft zu lieben.
Ich stellte mir vor deinen Namen mit
meiner Zungenspitze an eine Wand zu zeichnen, erfaßt von
einer Woge aus Kraft. Psychotisch, schizophren, seltsam. Ich
stellte mir vor dir die brennenden Lippen auszureißen um sie
an die Brust einer Taube zu heften. Und ich stellte mir den Tod
des Drachens vor der in einen Brunnen fiel.
Ich sah den Fluß und wußte daß ich
nichts tun würde. der Regen ließ nach. Licht
strahlen
begannen über den Tropfen zu leuchten. Einige
durchdrangen die Wolkenfetzen.
Der Himmel sprach eine heiße Sonne. Ich drehte mich nach
dir um. Du schliefst noch doch du hattest deine Stellung
geändert. Einige Blüten bedeckten dich. Ich betrachtete dich
sekundenlang, dachte tausend Dinge. Ich umarmte dich
in Gedanken und stieg auf mein Pferd. Ich befestigte
meinen Helm und ritt in die andere
Richtung davon. Du bist ein weißes Tier das im
Gras schläft oder ein Haufen Schnee (oder ein Kaninchen) zwischen
den sonnbeschienenen Bäumen.

 

 

OHNE TITEL (SIN TITULO)

die Einsamkeit wandert
gepanzert
zwischen Farnen und Bäumen
die den Rücken zuwenden

hier schlafen die meisten
der kleine Bürger
vergißt den Nachttopf nicht unter
dem Bett
weil es nachts gewöhnlich zu kalt wird

hier spielt man den größten Verrat
und man weint im allgemeinen oder
man lächelt mit unsichtbaren Tränen

ich ruhe verwundet
auf einem Meeresfels

meine erste Liebe verlor mit mir
die Jungfräulichkeit und
hängte sich an mich fürimmer
roter Stern auf Stein unter den Wellen

sie blutete
wie mein Freund blutete
in DINCOTE[2] mehrere Nächte
aber sie blutete wegen mikroskopischer Söhne
und er wegen der Stiefel des besten Offiziers

Lied
das Leben ist nicht immer ein Lied

 

 

SAIMAA (SAIMAA)

Dein Kopf voller Trompeten
und Trommeln
deine Vagina mit Violinen
deine Brüste voller Untertassen dein
Mund in Harfen und Harmonika dein
Hut aus Noten dein
nackter Körper aus vielbespielten
E-Pianos
und sicherlich
deine Augen und deine Hände
aus Tomaten Artischocken
Wurzeln
Erbsen
und Steinchen

 

 

DICHTER IM SCHAUKELSTUHL (POETA EN MECEDORA)

zwei.
wir verlieren
ihn.
die Menschenteile
bewegen
sich
mit Millimeterfüßen
an einem schwarzen
Tag.

die Mikroskopie
ist
riskant
weil
sie dich in einen
Insektenforscher verwandeln kann
hinter verschlossenen Türen und
die Jungen und die Mädchen
werden nicht
über deine undurchsichtige Schwelle treten
und ihre nackten Waden
deinem schüchternen Toten-
kopf
nicht zuwenden
der gelehrte Bücher
kaut
in
einem gelben Schaukelstuhl
wo du
wohnst
wie ein mittelmäßiger Beatle
während die Nelken in Ketten
unterdrückt wurden
am Fuße der roten / Minen
und der gepanzerten Erdklumpen.
ein Schrei beimarschseinermutter
unter den Eisenbahnen der Macht die
mit Mohrrüben und
Präservativen
deine gefrorene Kultur aufbläht
jene selbe Kultur
die ich
in Regalen sammelte um sie
jeden Tag zwanghaft
abzuknallen wie Tontauben
auf einem verrückt gewordenen Jahrmarkt
ich der Analphabet oder
wir
die wir dich sahen an deinem paranoiden
Fenster
Äpfel zerkleinernd in
unseren Händen
und dich für
weise hielten, durchtrieben und ahnten
daß du die urinfeuchten Wände
der Kloschüssel hinabgleiten würdest
die Ideologie die dich nie nährte
die du aber immer
hissest
wie die Unterhose deiner besten Geliebten
jene die mit dem Tode rang wegen
deiner Liebe zu dir / selbst
und du der träumtest daß du
einsam seist, gebildet und
Kosmopo-
lit
daß sie aus love for you in Ohnmacht
falle indeinendurch-
sichtigen Armen
in deinenlippen diezersprungene
Gedichte sprachen
wie ein un-
nützer Spiegel angesichts des Paukenschlags
(deiner) tragischer/n Gegenwart.

manchmal
wenn ich dich ein bißchen gemocht habe
umarmte ich deinen trügerischen Körper
und obschon
meine Augen
zugekniffen blieben
habe ich über deiner Schulter blühende
Städte gesehen
in einem lebendigen Land
Arbeiter auf dem Platz
die den Regierungspalast besetzten
Künstler und Bauern die Knollenfrüchte
aus dem Bauch der Erde rissen
Schwarze Mestizen und Chinesen die
sich neugierig in der
Suite
der Luxushotels umsahen

und nach
und nach
wurde unsere Stadt eine andere
keines der Hyperichs
die dir nachhetzten
rannten noch durch die Straßen

die alten Denkmäler die
an Bitterkeit und Individualität
gekoppelten Lächeln
wichen zurück.

mit unbeweglichen / Augen
und
in Umarmung noch mit deiner Lüge
sah ich einen schlagenden Himmel
ein schnelles / Aufflammen
innerlicher Freudenfeuer
wie es sich die altersschwache Heimat
der du jede Stunde
dümmliche Huldigung spendetest
niemals vorstellte. So
umarmte ich schließlich d i e  L u f t
M e e r
v e r l a s s e n e  F l a s c h e n

ruhig und aggressiv
sank ich hinab in meine Widersprüche
von deinem gelehrten Fenster aus mit
purpurnem, feudalem Kardinalentuch
einem Peru mit scharfer Klinge entgegen
einem Peru in magenta:

glänzend, rote Koralle
über den Brüsten Dianas

 

 

DER KRIEG UND DER FRIEDE ( m e i ß e l e i e n  a n  e i n e r  W a n d )
 (LA GUERRA Y LA PAZ)

und verbiete ihr für immer die Beine zu schließen

der Krieg und der Friede
"entweder bist du mit Gott oder du bist mit dem Teufel":

ich sagte dir es sei eine Lüge
doch besser vielleicht ich sag dir das nicht

du krümmst deinen Rumpf und tauchst deinen Kopf
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . in ein nasses
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Loch, das Meer
(Buñuel hat eine Szene mit Strauß)

und der Papst predigt / sagt:
den Frieden lasse ich euch,

aber der Friede ist ein einsamer Stein
wo die Esel oder die Kamele der Wüste
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .. . Wasser lassen
dieser Friede ist nicht unser
er hat keinen Geruch / keinen Klang / und ist eine
stumme Ledertruhe
mit gelben Blättern:

verstand Atahualpa Valverde nicht
oder umgekehrt?[3]

Und wessen war der Friede
und wessen der Krieg?

-Who are you?
-Atahualpa, and you?
-Shit!

Ja, verbiete ihr (Sommer) für immer die Beine zu schließen
sie öffne das Auge gut / und betrachte
die Bühne in Rauch und Blut

dutzende von schmutzigen und tätowierten
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Individuen
rennen
fliehen
vor Atahualpa oder vor dem anderen?

der Kardinal in Lima
ersehnte den Frieden
aber der Friede ist ein fader Knochen an dem die Hunde lecken die sich
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .............................. . . . . . . . . . vermehren

Schließ die Beine nicht, Liebes
spreize sie / wie das Meer
den Gewissheiten von heute entgegen

weil das Absolute nicht existiert
auch wenn du weinst / es berühren oder
ihm deine makellosen zittrigen Lippen aufdrücken willst
küß lieber mich und
studiere
die dialektische Spannung der
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . Haut
die sich öffnet / die sich schließt
mit Herzklopfen                                          deinetwegen
wegen deiner Schönheit außerhalb des Brennpunkts:
undeutliche Umrisse wie
das Alltägliche
eine unruhige Stadt
wie dein Keuchen
ein zerfetztes Trillerpfeifenhäutchen wie das deine
zwischen Autos und
Schlachten wie die unsrigen bei Nacht
und Taahg
vergossenes Blut
in Menstruation abwartender Schützengräben

-"der Dunst ist eine trübe
Fläche aus Orgasmus"

um geboren zu werden wurde ich geboren und
um geboren zu werden muß man sterben
die alte / Ordnung geht mit ihren Leichen
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .über den Bug

der Dunst fällt ein
Hitchcock schüttelt den Kopf und sagt:
-Im Kino ist alles möglich
aber niemand hat das Recht einem anderen das Leben zu nehmen

Es ist die Schuld / der Friede
der Papst predigt der
Kardinal fordert Einigkeit von den Peruanern
Peru ist ein Volk
das den Frieden will

-"Kein Zylinder füllt sich
ohne leer zu werden"

und was ist im Mittelpunkt eines Rads das sich dreht?

nur der Mittelpunkt
Rubin im Scheitelpunkt
eine Seele in magenta
nackt geboren inmitten b r e n n e n d e r  K a r r o s s e r i e n

es gibt keinen Frieden ohne Krieg noch Liebe

ich liebe den Frieden nicht den Frieden der Schafe

ich werde in deine festen Backen eindringen
/das Meer in Aufruhr/
du wirst schreien ich werde schreien

Der Dominikaner Valverde schluchzt ins Unendliche
Sonne über unsern Staub

und das Schiff der alten Ordnung geht
. . . . . . .ohne Schuld mit seinen Leichen die es nach sich schleift

du wirst sagen wie schööööön!
wir werden schwitzen
das Reich wird Nichts sein
und die Holzköpfe werden leugnen
wie sie es in der Schule gelernt haben

erst dann der fremde
Rosengarten
und feuchte Schwerter die auf Felsen überwintern

alles verdreckt von Schönheit



* * *

NOTAS

[1] Alle hier übersetzten Gedichte sind in der Sammlung A rojo (Rotes A) von César Angeles Loayza enthalten, die 1996 in Barcelona und Lima veröffentlicht wurde (posición EDITORES / T.M.).
© Original texte César Angeles Loayza.
© der deutschen Übersetzung: Marco Thomas Bosshard, Berlin.
Mail: marco.bosshard@uni-flensburg.de

[2]DINCOTE: Dirección Nacional contra el Terrorismo. Spezialeinheit der peruanischen Polizei, gegründet in der Mitte der Achtziger Jahre, zum Kampf gegen den Terrorismus, und besonders gegen PCP-“Sendero Luminoso”.

[3]Atahualpa, Valverde: Der Priester Valverde nahm an der von Pizarro geführten Eroberung des Inkareichs teil. Er überreichte dem letzten Inkakönig, Atahualpa, die Bibel. Dieser roch an ihr, hielt sie gegen sein Ohr, und da sie ihm nichts bedeutete, riß er Blätter heraus. Sodann gab der Priester sein Einverständnis zum Angriff, und der Eroberungskrieg begann.

 


 

 

 

Proyecto Patrimonio Año 2016
A Página Principal
| A Archivo César Ángeles Loayza | A Archivo de Autores |

www.letras.mysite.com: Página chilena al servicio de la cultura
dirigida por Luis Martinez Solorza.
e-mail: letras.s5.com@gmail.com
César Ángeles L. Anthologie ausgewählte Gedichte.
Traducido por Marco Thomas Bosshard